• Von Kanonen und Spatzen

    Kino.to ist zurück! Allerdings nicht als Kino.to, denn die Server und die Homepage sind ja vom Landeskriminalamt Sachsen beschlagnahmt worden. Wie heißt es so schön? Der König ist tot lang lebe der König.

    Als digitaler Klon zu kino.to  ist nun kinox.to online geschaltet worden. Auf der Seite werden im Eingangsbereich der Staat, sowie die „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU)“, welche die Anzeige gegen die kino.to-Betreiber gestellt hatte, verhöhnt.

    Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ein neuer Betreiber die Krone der Filmstreams für sich beanspruchen würde, gibt es diese Seiten doch wie Sand am Meer im Netz.

     

    Nun ist also die alte Nr.1 quasi auch die neue. Die Frage, die sich stellt, ist aber auch, ob die Betreiber der Seite für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden können, haben sie doch laut Copyright-Gesetz nichts offensichtlich illegales getan, so lange ihnen nicht das Hochladen und Verbreiten eben jener illegaler Daten nachgewiesen werden kann.

    Da allerdings die Server, auf denen sich die gesuchten Filme befinden, in solch romantischen Staaten z.B. dem Königreich Tonga (als Insel in den Weiten des Pazifiks, nordöstlich von Neuseeland, gelegen) stehen, hat man als nationales, wenn nicht sogar nur als regionales Kriminalamt wenig Chancen zur Handhabe.

    Wurde vorher noch laut angedacht, dass man es sich vorbehalten würde, gegen die „Nutzer“ eben dieses Portals vorzugehen, ist es nun doch recht still um dieses Thema geworden. Vielleicht, weil sich dabei 2 Probleme auftun:

    • Die IP-Adresse eines Nutzers kann nicht zwingend als Beweismittel gegen diesen eingesetzt werden. Es kann sich theoretisch auch ein Fremder über die W-LAN Verbindung des Nutzers eingeloggt haben, oder seine IP-Adresse als „Maske“ im Netz benutzt haben. Da die Vorratsdatenspeicherung vom Bundesverfassungsgericht (vorläufig) gekippt worden ist, ist hier die Überprüfung der Onlineaktivität des Nutzers ebenso nicht möglich.
    • Gleichzeitig sieht es wohl so aus, dass die Portalbetreiber von kino.to tatsächlich keine IP-Adressen der Nutzer gespeichert haben, womit hier auch keine Daten auswertbar sind.

    Man kann sich als Beobachter einfach nicht des Gedankens erwehren, dass mit der pressewirksamen Verhaftung der betroffenen Personen, sowie der Beschlagnahmung der Hardware ein medienwirksames Exempel statuiert werden sollte. Jetzt scheint dieser Schuss wohl nach hinten loszugehen.

    Eine weitere Frage ist, ob die Staatsanwaltschaft, der Innenminister und die restlichen zuständigen Gremien sich ausreichend Gedanken über ihren juristischen Einflussbereich und die daraus erwachsenen Konsequenzen einer solchen Großinzenierung gemacht haben, ganz abgesehen von dem Imageverlust des Landeskriminalamtes, sowie Innenministeriums des Freistaates Sachsens oder aber der „Verknüpfung“ von multinationalen Behörden im Kampf gegen die Kriminalität.

    Es ist fast ein Eulenspiegelstreich, dass die Plattform kino.to nur unter Anfügung eines Buchstabens wieder zum Leben erweckt werden konnte. Die Stilllegung von kino.to ist für jeden sichtlich somit nur das Abschlagen dieses Kopfes einer Hydra. Wie oben bereits beschrieben, gibt es im Netz zudem noch viele andere Betreiber, die genauso wie kino.to, bzw. kinox.to fungieren, vielleicht mit einem geringeren Angebot, aber das Prinzip bleibt das gleiche.

    Unangenehm wird es der Staatsanwaltschaft ohnehin bereits gewesen sein, dass nur der Tipp eines ehemaligen Angestellten eine Spur zu den Betreibern ermöglicht hatte, vorher tappte man Dunkeln – obwohl man laut eigener Aussage bereits seit 2008 ermittelt hatte.

    So müssen sich die staatlichen Institutionen wohl zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, sich vor den Karren von Lobbyisten der Filmindustrie gespannt haben zu lassen, denn bei diesen ist wohl das wahre Interesse für solch ein mediales Spektakel zu suchen.

    Wenn man effektiv gegen den illegalen Filmmarkt vorgehen möchte, so wird man dieses Problem wohl auf internationaler und staatlicher Ebene angehen müssen. Man wird juristische Abkommen mit den Staaten schließen müssen, in denen die Serverfarmen beheimatet sind – oder man greift selbst auf illegale Maßnahmen gegen diese zurück und führt gezielte Netzangriffe durch – was mehr als fragwürdige Maßnahmen wären.

    Die wünschenswerte Option wäre allerdings ein Umdenken der Filmindustrie, bei Preisgestaltung, Lizenz- und Verwertungsrechten, die auf neuartige Verwendung im Internet angepasst sind. Lange genug Zeit hatte die Filmindustrie eigentlich.

    So kann die Filmindustrie z.B. auf Qualität setzen und Filmmaterial generell in einer besseren Qualität anbieten, als es dies auf illegalen Streamseiten der Fall ist, sind sie eine nicht zu verachtende Option für den Nutzer – wenn dies zu einem fairen Preis geschieht. 3D-Filme machen es dem Anbieter illegaler Filme z.B. (derzeit) schwer, diese im Kino abzufilmen, sind sie doch für den Heim-PC wertlos.

    Natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage der Moral. Der Staat, bzw. sein Rechtssystem muss sich den Gedanken gefallen lassen, ob es wirklich anständig ist, ein Strafmaß vorzusehen, welches mit dem, von weitaus schlimmeren Verbrechen gleichkommt, auch wenn das illegale Kopieren keine Straftat ist, sondern als Vergehen definiert wird. Trotzdem wird Gegenteiliges suggeriert, so dass die Zukunft Kino Marketing GmbH(ZKM) in ihren Spots behaupten darf: O-Ton: „Raubkopierer sind Verbrecher“, was sogar der Name der Kampagne ist. Eine Kampagne die in dem Niveau ihrer Geschmacklosigkeit nur noch durch ihre Werbespots unterboten wird. Diese Spots werden dem anständigen Verbraucher, der sich DVD kauft, dann teilweise auch als Vorspann der DVD präsentiert, nebst anderen Informationen, die den Verbraucher teilweise herzlich wenig interessieren, die der ehrliche Verbraucher aber dank Sperrfunktion auf den DVDs teilweise nicht einmal überspringen darf (!).

    Fazit: Anstatt gegen einen Gegner vorzugehen, den man mit derzeitigen juristischen Mitteln einzelner Staaten ohnehin nicht effektiv bekämpfen kann – da er gar nicht greifbar ist, bzw. die Kosten bei Weitem den Nutzen übersteigen – sollte man eher den Filmmarkt für Kunden attraktiver gestalten, bzw. die Qualität von Filmen steigern. Laut Umfragen kauft sich ein nicht zu vernachlässigender Anteil von Filmfreunden, denen Filme der Streams gefallen haben, diese später auch im Original. Im Endeffekt spielt sich hier ein Kampf ab, den die Filmindustrie in den 80ern bereits gegen die Videokassette (ebenfalls erfolglos) geführt hat. Der neue Gegner ist zweifelsfrei der Webstream.

    VHS hat die Musik- bzw. Filmindustrie nicht vernichtet, im Gegenteil, ist die Bekanntheit der Künstler, Musikstücke und Filme doch durch das Verteilen eher gesteigert worden. Die jetzigen Lobbyisten, die hartnäckig drakonische Maßnahmen fordern, möchte man gern fragen, ob sie nie eine Kassette mit ihrer Lieblingsband kopiert haben oder nur unter schwer belasteten Gewissen einen Film im Fernsehen aufgenommen haben. Es wird spannend, wie sich der Streit entwickeln wird.

    Nur eines sei zum Abschluss noch zu sagen, was ein doch sehr merkwürdiges Licht auf die juristischen Kompetenzen des sächsischen Innenministeriums wirft. Nach dem kino.to stillgelegt worden war, wurde eine Verlautbarung auf der Hauptseite eingestellt. Nur eines wurde vergessen: Das für jeden Betreiber verbindliche Impressum, worauf kurze Zeit später eine Abmahnung auf dem Tisch des Innenministers von Sachsen lag.


6 Responsesso far.

  1. Bastian sagt:

    Gut, dass hier regelmaessig gepostet wird.

  2. Badeshorts sagt:

    Ich hatte Lust in Zukunft auf dem laufenden zu bleiben, aber wo ist der Link zum RSS Feed ?

  3. Karim sagt:

    Hey, ich bin mal so frei und schreibe mal was in deinen Blog. Sieht super aus! Ich beschaeftige mich auch seit kurzem mit WordPress kapiere aber noch nicht alles. Dein Blog ist mir da immer eine gute Anregung. Weiter so!

  4. Arne sagt:

    Studie zu Kino.to Nutzern.

    Es scheint wahr zu sein, dass insbesondere Nutzer von solchen Plattformen wie Kino.to besonders gute Kunden der Industrie sind:

    http://www.zeit.de/digital/internet/2011-07/gfk-studie-downloads

  5. Kilian sagt:

    Netter Post. Sicher nicht verkehrt, sich damit näher zu befassen. Ich werde gewiss die weiteren Beitraege lesen.

  6. admin sagt:

    Moin Matthias,

    da gibts interessante Querverbindungen zum Urheberrecht, 3. Korb. Das ist auch im Hinblick auf die Forschungs-/Bildungsfähigkeit der Universität in Zukunft interessant 🙂

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